קהילה קונסטנץ

SYNAGOGENGEMEINDE KONSTANZ

Schottenstraße 73

Brit Mila

Brit Mila - der ewige Bund

Sie ist wohl das deutlichste Kennzeichen der Juden. Um sie wurde, im wahrsten Sinne des Wortes, viel Blut vergossen. Sie genießt einen unglaublich breiten Konsensus bei den Juden - die Brit Mila, die Beschneidung. Seit der Gründung unseres Volkes, seitdem unser Urvater, Awraham, sich im greisen Alter von 99 Jahren selbst beschnitt, begleitet sie uns. Sie ist ein echtes jüdisches Wahrzeichen. Was birgt dieses Gebot in sich, dass es uns so unentbehrlich ist?

In den folgenden Abschnitten wollen wir euch über die Brit Mila informieren. Informieren über den Ursprung, über den Sinn, über die Zeremonie und auch ein bisschen über die Beschneidung selbst.
Die Erläuterungen werden viele Grundideen des Judentums streifen ohne dass es uns möglich sein wird diese zu erklären. Information ist die Nahrung des Geistes. Es liegt an eurem engagierten Geist die Ideen weiterzuverarbeiten, Fragen zu stellen und in weitere Tiefen vorzustoßen.

Der Ausdruck "Brit Mila" bedeutet "Bündnis der Beschneidung".

Die Beschneidung besiegelt den Bund zwischen G-tt und Seinem Volk. Der ewige Bund, den G-tt mit Awraham schloss, war von Anfang an mit der Mila verbunden. Um Mila zu verstehen müssen wir uns erst mit dem Bund selbst auseinandersetzen. Was ist es, das uns mit G-ttes Allmacht verbindet?

Von G-ttes Seite aus geht es im Bund darum, dass das jüdische Volk von nun an unter Seiner persönlichen Obhut steht. G-tt verspricht Awraham, er werde seine Nachkommen zu einem zahlreichen Volk wachsen lassen. Es werden Könige von ihm stammen. Zuletzt verspricht G-tt, sein Volk werde das Heilige Land erben, und "ich werde ihnen G-tt sein". Dieser letzte Satz beinhaltet die Idee des ganzen Bündnisses.

Uns G-tt zu sein bedeutet, dass G-tt persönlich unsere Geschicke führt. Unser Zustand ist unabhängig von Lust oder Laune politischer Führer, unabhängig von der Achterbahn der Finanzmärkte, denn G-tt führt Sein Volk. G-tt möchte Awraham zu einem Volk vermehren. Dieses Volk ist Botschafter G-ttes auf Erden. G-tt wollte in Awrahams Enkelkindern, in uns, Seine Botschafter auf Erden finden.

Die Idee G-ttes Botschafter auf Erden zu sein ist dann logischerweise unser Teil des Bündnisses. So beschreibt dann auch die Tora unsere Pflicht: "Awram ward neunundneunzig Jahre alt, da erschien G-tt dem Awram und sagte zu ihm: ich bin G-tt, geh deinen Weg in meinem Angesichte und sei rechtschaffen. Ich möchte einen Bund zwischen mir und dir, und dich zahlreichst vermehren."

Der Mensch lebt in einer natürlichen Umwelt. G-tt hat die Welt so erschaffen, dass sie Seine Existenz verdeckt. Das Ziel der ganzen Schöpfung ist, dass Menschen Ihn erkennen, wo Er eigentlich verdeckt ist. Die Versuchung ist groß, G-tt aus unserem persönlichen Leben auszublenden. Denn alles, was in unserem Leben passiert, kann man natürlich erklären.

Unser Auftrag ist es ein Leben zu führen, das es erkennbar macht, dass G-tt in jedem Moment die Welt führt. Erkennbar zu machen, dass Er unser G-tt ist. "Ich werde ihnen G-tt sein" bedeutet, dass G-tt uns persönlich führt. Awraham seinerseits soll, wie gesagt - "geh deinen Weg in meinem Angesichte" -, sich führen lassen. Wir müssen G-tt treu bleiben, indem wir uns führen lassen. So wie ein Vater seinem Sohn die Hand gibt, und dieser ihm blind vertrauen kann, so sollen wir G-tt blind vertrauen.

Wenn wir G-tt wirklich vertrauen, so kann G-tt uns in Offenbarung führen. Sein Ziel, dass Menschen Ihn erkennen als Schöpfer und Leiter der Welt, kommt dann durch unsere Geschicke zum Vorschein. Wenn alle Völker sehen, wie uns G-tt vermehrt und beschützt hat, wenn G-tt uns Könige gibt, die mit Weisheit ihr Volk führen, dann wissen alle, dass G-tt ist und sein wird.

Das Zeichen des Bündnisses ist die Mila, die Beschneidung.

Warum ist dies ein Zeichen für das spezielle Verhältnis zwischen G-tt und Seinem Volk? Wir wollen zuerst kurz erklären, was die Beschneidung ist. Das Fortpflanzungsglied des Mannes ist von einer Vorhaut verdeckt. Bei der Beschneidung wird diese Vorhaut abgeschnitten (מילה). Das verbliebene Vorhautblatt wird dann eingerissen und nach oben gefaltet (פריעה). Die Beschneidung bringt das verdeckte Glied zum Vorschein.

Der Jude schneidet die Vorhaut ab, um das versteckte Glied aufzudecken. Wie schon oben erwähnt, führt G-tt die Welt, obschon Er von der Natur verdeckt ist. Der Jude ist ein lebendes Zeugnis, dass in der Natur selbst eine Realität besteht, die übernatürlich ist, g-ttlich ist. Die Vorhaut symbolisiert die verdeckende Natur. Schneidet man die Vorhaut weg, verkrüppelt man sich nicht, sondern enthüllt und erhebt sich dabei.
Man enthüllt, dass unter seinem natürlichen Körper noch eine Realität besteht. Ein Jude ist eine übernatürliche Erscheinung. Wir trotzen den Gewalten der Zeit und Natur, denn G-tt lenkt unsere Geschicke. Die Beschneidung enthüllt diese sonst von der Vorhaut verdeckte Realität. Darum ist die Beschneidung Zeichen für das besondere Verhältnis zwischen G-tt und uns.

G-tt befahl Awraham, dass jeder jüdische Junge am achten Tag nach der Geburt beschnitten werden soll. (Im Judentum folgt der Tag auf die Nacht. Wurde das Kind also kurz vor Sonnenuntergang geboren, zählen diese wenigen Minuten schon als der erste Tag). In den letzten Jahren hat man die faszinierende Entdeckung gemacht, dass der achte Tag auch vom medizinischen Standpunkt der bestmögliche Tag für eine Beschneidung ist.

Die Halacha besagt, dass wenn das Kind schwach oder kränklich ist, die Brit Mila verschoben wird. In jedem Fall, in dem die Gesundheit des Kindes gefährdet werden könnte, muss die Brit Mila verschoben werden. Es ist daher offensichtlich, dass die Mila am achten Tag das Kind nicht gefährdet.
Zwei wichtige Stoffe, die die Blutstillung sichern, sind das Vitamin K und das Prothrombin. Das Vitamin K entwickelt sich im Kind in den ersten sieben Tagen. Darum sind Säuglinge zwischen dem zweiten und fünften Tag empfindlicher inneren Blutungen gegenüber.
Der achte Tag ist der erste Tag, an dem das Vitamin K die Normalwerte erreicht. Beim Prothrombin kommt es noch besser. Am dritten Tag besitzt das Kind 30 Prozent des Normalwerts. Von diesem Tag an entwickelt das Kind das Prothrombin, bis es am achten Tag 110 Prozent besitzt. Die Blutstillung ist am achten Tag die bestmögliche.

Die Pflicht seinen Sohn zu beschneiden ist zunächst Pflicht des Vaters. Kann der Vater seiner Pflicht nicht nachkommen, so entfällt die Pflicht auf das Bet Din, das Gericht. Das Gericht ist dafür zuständig, dass die Gemeinschaft die Tora erfüllt. Darum fallen Pflichten, die durch ein Mitglied der Gemeinschaft nicht erfüllt wurden, auf das Gericht. Wurde ein erwachsener Jude noch nicht beschnitten, so ist es seine Pflicht sich beschneiden zu lassen.

Heutzutage wissen nur die Wenigsten, wie man beschneidet. Die meisten Beschneidungen werden durch einen Mohel, einen "Beschneider", vorgenommen. Der Mohel ist ein Fachmann, der diesen Beruf lange lernen muss. Der Mohel kennt die halachischen Aspekte einer Brit Mila, so wie auch die medizinischen. Das Kind durch einen Mohel beschneiden zu lassen ist wohl sicherer als durch einen Chirurgen. Seine persönliche langjährige Erfahrung sowie die von Generation zu Generation weitergegebenen Weisheiten fehlen der modernen Medizin und machen ihn unentbehrlich.

Der Mohel ist die Hauptfigur bei der Brit Mila.

Der Mohel prüft das Kind vor der Mila um sicher zu gehen, dass es gesund ist. Einer der häufigsten Gründe die Mila zu verschieben ist die physiologische Gelbsucht. Die Gelbsucht zeugt von einem hohen Wert an Bilirubin (R.B.C). Sie ist ein Zeichen, dass die Leber noch nicht vollständig funktioniert oder ein Überschuss an roten Blutkörperchen besteht.
Eine vollständig funktionierende Leber ist für die Heilung der Wunde wichtig, und darum wird bei Gelbsucht die Brit verschoben. Der Mohel kann anhand der Hautfarbe erkennen, ob die Bilirubin-Werte problematisch sind.

Die Brit Mila ist die Erfüllung eines Gebots, einer Mizwa, darum darf der Mohel kein Geld für die Arbeit nehmen. Der Mohel darf aber Ersatz für seine Reisekosten verlangen. Er darf auch Geld verlangen für das ihm entgangene Geld, das er während dieser Zeit hätte verdienen können. Viele Mohalim besitzen auch einen anderen Beruf.

Wir wollen nun in Kürze die Mila-Zeremonie durchgehen. Es muss darauf hingewiesen werden, dass dieses spezielle Gebot von vielen Gemeinden mit verschiedenen Bräuchen bereichert wurde. Es ist leider unmöglich diese Vielfalt hier zu beschreiben, wir versuchen nur die Grundrisse der Zeremonie zu beschreiben.

Der Vater und der Mohel sind zwei Hauptfiguren der Zeremonie, die wir schon erwähnt haben. Wir werden sie hier nun bei der Beschneidung selbst begleiten. Eine weitere sehr wichtige Figur ist der "Sandak". Der Sandak hält das Kind während der Beschneidung auf seinem Schoß fest.
Das Wort Sandak wurde schon von unseren Weisen benutzt und kommt wohl von dem römischen "Syndikus", was Patron oder Bote bedeutet. Er ist dafür verantwortlich, dass die Mila stattfindet, darum ist er der Patron der Mila. Unsere Weisen lehren uns, dass bereits der König David Sandak war.
Die Knie des Sandaks, auf denen die Beschneidung stattfindet, gleichen einem Altar, auf dem ein Opfer dargebracht wird. Die Beschneidung verbindet das Kind mit G-tt. Dies ist ein Moment großer Nähe zwischen G-tt und Seinen Kindern. Ein Opfer heißt "Korban" (קרבן), was von dem Wort "Karow" (קרב) kommt und Nähe bedeutet.

Der Gevatter bringt das Kind in den Raum, in dem die Beschneidung stattfindet. Er übergibt es dann dem Vater, der eigentlich die Beschneidung vornehmen sollte. Damit sich auch andere Anwesende an der großen Mizwa beteiligen können, haben manche den Brauch, dass einige Leute das Kind weiterreichen, bis es zum Vater gelangt. Es nicht ganz klar, was das Wort "Gevatter" bedeutet.
Manche erklären es so: Der grammatikalische Zusatz des Buchstaben "Kaf" (כ) an ein hebräisches Wort bedeutet "so wie". D.h. also, dass der "Ke-vatter" so wie der Vater ist. Er wäre vergleichbar mit einem Paten.

Nachdem das Kind beim Vater angekommen ist, haben viele den Brauch, dass der Vater ein paar Verse (u.a. "Schema Jisrael") laut vorsagt und die Anwesenden sie wiederholen. Danach legt er das Kind auf den Sessel von Elijahu. Neben den anwesenden Gästen wohnt jeder Brit Elijahu, der Engel des Bundes, bei.
Ihm zu Ehren wird bei jeder Brit ein spezieller Stuhl aufgestellt. Es gibt verschiedene Bräuche bezüglich dieses Sessels, aber bei fast allen gibt es einen besonders schönen Sessel, der zu diesem Zweck verwendet wird. Der Mohel spricht ein spezielles Gebet, damit ihn Elijahu bei der Beschneidung unterstütze.

Unsere Weisen erzählen, wie zur Zeit des Propheten Elijahu die Königin Isewel das Volk davon abhielt sich zu beschneiden. Als Elijahu sie zurechtwies, drohte Isewel ihn zu töten, daraufhin flüchtete Elijahu zum Berg Sinai. Da erschien ihm G-tt, der ihm versprach, dass er jeder Beschneidung beiwohnen und selber bezeugen werde, wie G-tteskinder ihren Bund auf ewig aufrechthalten.

Danach schreitet man zur Beschneidung. Das Kind wird vom Sessel Elijahus aufgehoben. Daraufhin legt der Vater seinen Sohn auf den Schoß des Sandaks, auf dem er beschnitten wird. Nun bereitet der Mohel das Kind auf die Beschneidung vor. Der Mohel sorgt dafür, dass er nur die Vorhaut abschneidet und das Kind nicht verletzt. Viele verwenden eine Klemme (die in ihrer Form an einen Schmetterling erinnert), mit der die Vorhaut festgehalten wird, so dass der Mohel nur diese abschneidet.

Wie schon oben erwähnt, besteht die Mila aus zwei Teilen.
Das Abschneiden der Vorhaut nennt man Mila (מילה). Danach wird der auf dem Glied verbliebene Vorhautrest in zwei Teile gerissen und nach oben gefaltet. Dies nennt man Pri'a (פריעה). Auch Nichtjuden, die sich aus religiösen (Muslime) oder hygienischen Gründen beschneiden lassen, schneiden die Vorhaut ab, haben also Mila.
Die Pri'a aber ist ein rein jüdisches Prozedere. Es ist also gut zu verstehen, warum ohne Pri'a die jüdische Pflicht unerfüllt bleibt. Ist der Mohel bereit, spricht er einen Segen auf das Gebot der Mila.
Der Mohel schneidet die Vorhaut ab, und der Vater spricht unmittelbar darauf (also zwischen Mila und Pri'a) einen Segen auf die Erfüllung seiner väterlichen Pflicht, seinen Sohn in den Bund Awrahams zu bringen. Darauf wünschen die Anwesenden dem Kind: "So wie er in den Bund getreten ist, so möge er zur Tora, zur Chuppa (Heirat) und zu guten g-ttgefälligen Taten geführt werden".

Der Mohel verbindet die Wunde. Eigentlich ist die Beschneidung hier vorbei, aber der spannendste Teil steht noch bevor, denn das Kind bekommt nach der Beschneidung seinen Namen. Was ist die Verbindung zwischen dem Namen und der Beschneidung? Als G-tt Awraham den oben beschriebenen Bund angeboten hat, sagte G-tt: "Und nicht mehr soll man dich Awram nennen, sondern Awraham soll dein Name sein, denn zum Vater der Völkermengen habe ich dich bestimmt."

Wir sehen, dass der Bund der Beschneidung mit der Namensgebung zu tun hat.

Auch über die Bedeutung eines Namens lernen wir hier etwas. Der Name steht für das Wesen des Menschen. "Awraham" steht für Awrahams neue Mission, Vater der Völkermengen, spiritueller Vater zu sein. Denn Awraham und seine Kinder werden G-ttes Idee auf Erden verbreiten.
Erst nachdem das Kind beschnitten, nachdem sein wirkliches Wesen, wie in Teil 1 ausführlich beschrieben, aufgedeckt wird, erst dann bekommt es seinen jüdischen Namen, denn ein Name beschreibt das wahre Wesen eines Menschen. Der Sandak steht nun auf und hält das Kind in seinen Händen.
Nun wird ein weiterer Segen auf einen Becher Wein gesprochen. Man trinkt ein bisschen vom Wein und sagt nun ein Gebet, bei dem der Name gegeben wird. Er spricht: "Unser G-tt und G-tt unserer Väter, erhalte dieses Kind seinem Vater und seiner Mutter, sein Name sei genannt im Volk Israel …."

Der Vater flüstert dem Vorsprecher den Namen zu, der diesen laut ausspricht. Der Name besteht aus dem Namen des Kindes und dem Namen des Vaters. Das Wort "Ben" (Sohn von) unterscheidet die zwei Namen voneinander (z.B. "Awraham ben Jizchak" bedeutet "Awraham, der Sohn von Jizchak").

Danach sprechen der Vorsprecher und die Anwesenden zweimal den Ausdruck: בדמיך חיי - "durch dein Blut sollst du leben" aus. Der Mohel tropft dabei ein bisschen Wein in den Kindesmund. Das Blut, das das Kind verloren hat, ist das Blut, das es durch sein Leben tragen wird. Es ist sein Bund mit G-tt, der ihn persönlich beschützen wird. Als Jude steht er unter G-ttes persönlicher Obhut, und das garantiert sein Leben. So wie bei jedem besonderen Ereignis im jüdischen Lebenszyklus feiert man, indem ein Festmahl veranstaltet wird.

Wir haben gesehen, wie wichtig die Mizwa der Brit Mila für uns ist. Sie besiegelt den speziellen Bund zwischen G-tt und uns. Nun verstehen wir, was Rabbiner Elijahu Gutmacher vor ein paar hundert Jahren geschrieben hat: "Auch soll jeder Anwesende seine eigenen Probleme im Sinn haben während des Geschreis des Beschnittenen, denn des Kindes Stimme findet direkt Gehör vor G-tt, ohne jegliche Hürden, und sein Gebet wird einbegriffen sein in des Kindes Gebet (da auch er ein Teil des Bundes ist, wie dort oben erwähnt wird)."

(Bemerkungen von R. Elijahu Gutmacher, zu Traktat Schabbat, frei übersetzt) Ihr könnt diesen großen Moment ausnutzen, um euch an G-tt zu wenden, denn wir alle sind Teil dieses speziellen Volkes - G-ttesvolkes!