קהילה קונסטנץ

SYNAGOGENGEMEINDE KONSTANZ

Schottenstraße 73

Geschichte der Juden im Südwesten Deutschlands

 

Foto: Konstanzer Richental Chronik Eine Gruppe von Juden geht dem Papst entgegen, um sich von ihm ihre Privilegien bestätigen zu lassen

1. Juden im Südwesten Deutschlands bis zum Edikt von 1809

Quellangabe: "...es geschah am helllichten Tag"
Landeszentralle für politische Bildung Baden-Württemberg

Seit bald zweitausend Jahren leben Juden in Deutschland. Mit den römischen Heeren sind sie über Gallien nach Deutschland gekommen. In einem Brief Kaiser Konstantins von 321 werden sie als römische Bürger in Köln bezeichnet. Die jüdischen Siedlungen liegen meistens an den wichtigsten Verkehrsstraßen im Rhein- und Donaugebiet, wie beispielsweise in Mainz, Worms, Trier, Augsburg und Regensburg. Die ersten Zeugnisse jüdischer Siedlungen in unserem Bundesland Baden-Württemberg stammen aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts und erste Urkunden, die Auskunft über jüdische Ansiedlungen geben, sind aus dem 13. Jahrhundert.Als älteste Gemeinden gelten u.a. Grünsfeld (1218), Wertheim (1222), Überlingen (1226), Freiburg (1230), Lauda und Tauberbischofsheim sowie Konstanz (1241). Kaiser Friedrich II. beschließt 1236, alle Juden in seinem Reich zu Kammerknechten zu erklären.

Damit stehen sie unter dem direkten Schutz des Reiches. Für diesen Schutz müssen die Juden bestimmte Abgaben entrichten. Entstehen dem Kaiser finanzielle Engpässe, verpfändet er sein "Judenregal". D. h. er "verkauft" die Juden an seine Gläubiger. Beispielsweise erhält 1303 der Graf von Wertheim von Kaiser Albrecht I. für acht Jahre die Einnahmen des Judenregals.

Für die Juden in Deutschland stellt die Zeit des Mittelalters eine Zeit der Verfolgung und des Leidens dar. Aberglaube und Missgunst der Bevölkerung gegenüber den Juden, die an ihrer mosaischen Religion festhalten, führen zu grausamen und blutigen Taten. So werden Juden im Mittelalter des Ritualmordes angeklagt. Im Jahre 1235 werden acht Juden in Lauda und Tauberbischofsheim beschuldigt, einen Christen ermordet zu haben, um dessen Blut für rituelle Zwecke zu nutzen.

Daraufhin werden sie grausam hingerichtet. Zwar versucht Papst Innozenz IV. 1247 mit einer Bulle gegen diesen Aberglauben des Ritualmordes vorzugehen, aber in den folgenden Jahrhunderten gibt es immer wieder Beschuldigungen gegen die Juden und blutige Ausschreitungen. Im Spätmittelalter wird gegen die Juden eine weitere Beschuldigung vorgebracht. Vorgeworfen wird ihnen die Schändung der Hostien und es kommt wiederum zu zahlreichen blutigen Übergriffen, wie beispielsweise durch den verarmten Ritter Rindfleisch, in Konstanz 1312, 1320 und 1333 sowie in Renchen 1301 und durch "König Armleder", einem Ritter aus Uissigheim/Külsheim (1335-37). Die schlimmste und verheerendste Verfolgungswelle ereignet sich in Südwestdeutschland während der Pestepidemie von 1348/49. Die Juden werden beschuldigt, die Brunnen und Quellen vergiftet zu haben.

Ganze jüdische Gemeinden werden von den christlichen Bewohnern der Orte ermordet und die Besitztümer der Ermordeten eingezogen. Es dauert Jahrzehnte, bis sich vereinzelt wieder jüdische Gemeinden in den heimgesuchten Städten ansiedeln. In den folgenden Jahrhunderten sind die Juden dem ständig wechselndem Schicksal von Tolerierung und Vertreibung ausgesetzt. Der wirtschaftliche Konkurrenzneid erschwert das Leben der Juden in den Städten und führt zu starken Diskriminierungen. So werden im 15. und 16. Jahrhundert die Juden aus den meisten Reichsstädten, Herrschaften und Fürstentümern im Gebiet des heutigen Landes Baden-Württemberg ausgewiesen. Nur noch einzelne Juden erhalten Privilegien zur Niederlassung, beispielsweise in Rottweil und Ulm.

Schon 1391 vertreibt Kurfürst Ruprecht II. alle Juden aus der Pfalz. Er eignet sich ihren Besitz an und vermacht jüdische Besitzungen der Heidelberger Universität. Obwohl die Vertreibung "ewig" gelten soll, werden in späteren Jahrhunderten immer wieder Ausnahmen gemacht und "Schutzjuden" zugelassen. Um 1550 gibt es in der Kurpfalz ca. 155 Juden, wobei höchstens zwei Familien in jedem Ort wohnen dürfen. Anders als die badischen Markgrafen, die den Zuzug von Juden zwar regulieren, aber nicht gänzlich unterbinden, gehen Städte und Landesherren im angrenzenden Vorderösterreich entschieden gegen die Juden vor. In Freiburg z. B. wird den Juden, die sich nach der Verfolgung von 1348/49 noch in der Stadt befinden, das Leben durch eine 1394 auf Bitten der Stadt von Herzog Leopold IV. erlassene Judenordnung schwer gemacht.

Als um 1400 aus dem Elsass kommend die unglaubliche Fabel vom Ritualmord der Juden an Christenkindern Freiburg erreicht, erwirkt die Stadt 1524 von ihrem Landesherrn die Genehmigung zur "ewigen Vertreibung" sämtlicher Juden. 1573 verfügt Erzherzog Ferdinand die Fortschaffung sämtlicher Juden aus Vorderösterreich bis zum 1. Juni 1574. 1698 setzt die Markgrafschaft Baden-Baden die Zahl der schutzberechtigten Juden auf 42 Familien fest.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg sowie aufgrund von Zerstörungen durch französische Truppen im Jahr 1689 ist die Pfalz sehr verwüstet. Daher wird die Aufnahme jüdischer Familien liberaler gehandhabt, da dies die Steuer- und Schutzgeldeinnahmen steigert.

Bereits im 18. Jahrhundert gibt es eine kleine Anzahl von jüdischen Akademikern und 1782 wird erstmals an der Universität Heidelberg einem Juden der medizinische Doktorhut verliehen. Ähnlich wie an dem Entstehen der kurpfälzischen Stadt Mannheim im 18. Jahrhundert sind Juden am Aufbau der Stadt Karlsruhe maßgeblich beteiligt. 1801 tritt Hofrat Philipp Holzmann sogar beim Markgrafen für eine Gleichbehandlung der Juden ein. Schließlich entsteht 1806 das Großherzogtum Baden. In diesem Gebiet leben ca. 12.000 Juden, die ungefähr 1,5 % der Bevölkerung darstellen. Im Königreich Württemberg wohnen 1817 nach einer Liberalisierung der Gesetze 8.256 Juden. In den Jahren 1807 und 1808 werden vom Großherzog in Baden das 1. und das 6. Konstitutionsedikt erlassen.

Damit verbessert sich die bürgerliche Stellung der Juden und ihre Religion wird nun "konstitutionsmäßig" geduldet. Aufgrund dieser Edikte werden die Juden zu "erbfreien Staatsbürgern". Sie erhalten damit das Recht, Grundbesitz zu erwerben sowie Handel und Gewerbe zu treiben. Jedoch sind sie weiterhin Schutzbürger, die nicht an kommunalen Wahlen teilnehmen dürfen. Diese Verordnungen stellen Rahmengesetze über die Rechtsverhältnisse der Juden dar und führen bei der Auslegung immer zu Auseinandersetzungen.

Mit dem 9. Konstitutionsedikt, dem so genannten Judenedikt vom 13. Januar 1809, erhalten die badischen Juden die genauen Ausführungsbestimmungen. In diesem Gesetz werden die Bürger- und kirchenrechtlichen Verhältnisse geregelt und die Schulpflicht für jüdische Kinder eingeführt. Die Juden bekommen das Recht zugestanden, ein Handwerk oder einen landwirtschaftlichen Beruf zu erlernen. Auch die bisher gültigen Heiratsbeschränkungen für Juden werden aufgehoben. Sie werden verpflichtet, erbliche Familiennamen anzunehmen. Das Gesetz stellt insgesamt einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung dar.

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2.Medinat bodase

Quellangabe :Helmut Fidler "Jüdisches Leben am Bodensee" 

Erstmals aktenkundig ist in der Bodenseeregion die Anwesenheit von Juden im Jahr 1226. In einer Urkunde wurde damals ein jüdischer Friedhof in Überlingen erwähnt, was auf eine bereits seit einigen Jahren bestehende jüdische Gemeinde in dieser Stadt schlissen lässt. Über die Anfange dieser ältesten jüdischen Gemeinde in der Bodenseeregion ist wenig bekannt. Vermutlich hatte der enorme wirtschaftliche Aufschwung, welcher in der Bodenseeregion im 11.und 12.Jahrhundert zu einer Vielzahl von Städtegründungen führte, Juden zu einer Ansiedlung bewogen. Am Ende des 12.Jahrhunderts hatte die Bischofsstadt Konstanz die Würde einer Freien Reichsstadt erhalten, noch vor Zürich im Jahr 1218. Überlingen hatte 1180 Marktrecht und 1211 Stadtrecht erhalten, die Städte St.Gallen und Schaffhausen standen seit 1180 bzw.1190 unter dem unmittelbaren Schutz des Reiches.

Einer Überlieferung zufolge waren es wagemutige jüdische Bürger aus den Gemeinden Worms und Speyer,die auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten sich am Bodensee niederliessen . Eine andere Theorie verweist auf die Judenvertreibungen im Frankreich des Jahres 1181.Der französische König Philipp verwies die Juden seines Landes,ihre Häuser und ihr Besitz wurden zugunsten der Staatskasse eingezogen.Auch die jüdischen Gemeinden im Rheinthal nahmen damals aus Frankreich vertriebene Juden bei sich auf, von denen einige nach Überlingen weitergezogen könnten.

In rascher Folge erlaubten weitere Städte der Bodenseeregion Juden,sich in ihren Mauern niederzulassen.Das Reichssteuerverzeichnis aus dem Jahr 1241 berichtet von Zahlungen der Judensteuer aus den Städten Lindau,Konstanz und Überlingen. Für St.Gallen sind Juden erstmals 1268 belegt.Zehn Jahre später finden wir sie in Schaffhausen und 1288 in Bischofszell. Zu Beginn des 14.Jahrhunderts folgten die Städte Feldkirch(1310), Engen(1322), Ravensburg(1330) und Bludenz(1343). Da 1348/1349 aus den Städten Buchhorn, Diessenhofen, Radolfzell, Waldhut und Winterthur Juden vertrieben wurden, müssen auch hier bereits zuvor Ansiedlungen bestanden haben.

Unter den jüdischen Gemeinden in den Bodenseestädten bestand von Beginn an eine enge Verbindung und Zusammenarbeit. Die jüdische Friedhof in Überlingen hatte die Funktion eines Zentralfriedhofes für Seeregion, eine Aufgabe, welche er bis in das 15.Jahrhundert beibehielt.Die jüdische Gemeinden organisierten sich in einem eigenen Verwaltungsbezirk, den sie nach dem verbindenden Element dieser Region benannten: Medinat bodase, wobei medinat auch als Bezeichnung für einen Geschäftsbezirk benutzt wurde. Belegt ist die Verwendung erst nach der Vernichtung der jüdischen Gemeinden in den Pogromen des Pestjahre von 1348 und 1349. Die Erinnerung an diese Pogrome ist ein zentraler Bestandteil der jüdischen Kultur: In sogennaten Memorbüchern wurden die Namen der damals Ermordeten festgehalten. Aus den in diesen Büchern genannten Ortslisten kann die "Medinat bodase" rekonstruiert werden: der Bezirk reichte von Schaffhausen und Diessenhoffen im Westen bis Feldkirch, Bregenz und Lindau im Osten. Jüdische Niederlassungen gab es darüber hinaus in den Städten Radolfzell, Überlingen, Konstanz, Ravensburg,

Buchhorn,Bischofszell und St.Gallen.Zürich zählte bereits nicht mehr zum Bezirk Bodensee,war aber mit diesen vielfältig verflochen.

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3.Juden in Konstanz

Quellangabe:Hans Günther Heer "Lexikon der Stadt Konstanz"

Die Geschichte der Juden in Konstanz ist Teil der Geschichte unserer Stadt überhaupt... Da die Juden beschnitten sind sich das auserwählte Volk nannten und gegen Zinsen Geld verleihen konnten,gerieten sie in Gegensatz zu den unbeschnittenen Christen,denen es verboten war Geld zu verleihen. So wurden sie ursächlich mitschuldig zu nötigen aber verhassten Wucherern.Im sog.Mittelalter konnten Städte nur mit Erlaubnis des Kaisers Juden aufnehmen,da dieser sie schirmte und schütze,wofür sie natürlich Steuern zahlen mussten, denn Kaiser waren immer in Geldnot.

Dieser kaiserliche Schirm und Schutz machte die Juden zu sog. "Kammerknechten". Einerseits nun waren sie willkommene Helfer in finanzielle Nöten,da sie sich aber diese Hilfe gut bezahlen ließen waren sie andererseits verhasste Wucherer. Deshalb versuchte man sie los zu werden indem man sie für Seuchen u.a. Unglück verantwortlich machte und das gemeine Volk gegen sie aufbrachte,was zu regelrechten Judenverfolgungen und Hinrichtungen führte. Waren die Juden verbrannt oder vertrieben, so war man die Schulden und ihre Eintreiber los. Normaler weise hätte dies eine Stadt in Konflikt mit dem Kaiser bringen müssen,aber da dieser selbst meist Schilden bei ihnen hatte,sah er gern darüber hinweg,oder er nahm sie in Schutz gegen eine hohe Summe natürlich, je nachdem was für ihn vorteilhafter war. Diese Versuchung war umso größer, als er auch Anspruch auf ihren Nachlass hatte.

1312 erste urkundigte Nachricht über eine Judenverfolgung in Konstanz,wegen einer Hostienschändung wurden "vil Juden getödt". Schon 1327 wurden wieder 27 Juden verbrannt,erschlagen oder ertränkt. 1333 wurden hier 9 Juden ertränkt und 12 verbrannt. 1348 als Verursacher der Pest werden 300 Personen in einem eigens dafür errichteten Gebäude vor der Stadt verbrannt, einige zum Wechsel zum Christentum gezwungen. 1390 wurden sie bezichtigt ein Christenkind getötet zu haben. Viele wurden eingekerkert, andere getötet oder gewaltsam zum Christentum gezwungen.

Am 23 September 1390 begehrt ein Jude aus Reue über seinen Wechsel zum Christentum hingerichtet zu werden,was auch geschah.Man führte ihn auf der Reichstrasse zum Espan bei Kreizlingertor,wo er verbrannt wurde.Auf dem Weg dahin wurde er mit einer glühenden Zange an drei Stellen gezwickt: a) in Niederburg, b) am Obermarkt, c) an der St.Paulgassen (Hussenstrasse) 1375 gestattet ihnen der Rat wieder ihre Niederlassung.

Sie bekamen ihr eigenes Quartier in der Münzgasse. 1427 kauft der Jude "Abraham" das ehemalige Geschlechterhaus "Zur alten Katz" und gestaltet es zu einer Synagoge um, die bis zum Jahre 1430 bestand. Am 31 Juli 1430 werden 83 Juden in den sog. " Judenturm" ( Pulverturm, Ziegelturm) einkerkert und gegen eine Zahlung einer großen Summe von Kaiser freigelassen. Ein angeblicher Ritualmord 1443 war Anlass einer sog. Säuberung, die Juden wurden wieder in den Judenturm gesperrt.König Friedrich III griff ein,was einen fünfjährigen Rechtsstreit zur Folge hatte,diese lange Zeit waren die Juden in Turm eingesperrt.1448 mussten die die Stadt endgültig verlassen, es war dies das Ende der mittelälterische jüdischen Gemeinde in Konstanz, danach verpflanzte man sie nach Wien.

1495 löste eine Judin "Sarah" aus dem Thurgau den sog. Judenkrieg aus. Sie hatte mehrere Schuldner in Konstanz einsperren lassen. Deshalb zog der Thurgauer Pöbel vor Konstanz und ließ sich erst durch Zahlung von 4000Gulden beruhigen. Die erbitterten Konstanzer traten daraufhin dem Schwabenbund bei, gegen die Eidgenossen, was eine folgenschwere Entscheidung war.

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4.Konstanzer Juden im Mittelalter

Quellangabe:Walter Rügert "Jüdisches Leben in Konstanz"

Das Siedlungsgebiet der ersten in Konstanz ansässigen Juden lag in Nähe der "neuen" Warenumschlagsplätze : dem Fischmarkt und dem Salmannsweiler Klosterhof, der mit seinen verschiedenen Gebäudeteilen einen weiten Bereich zwischen der heutigen Salmannsweilergasse (damals Amelungsgasse), der Münzgasse(die Amplungs- oder Judengasse) und der Hohengasse einnahm.

So ist belegt,dass ein Jude namens Calman 1278 ein Haus besaß,das an den Koplex des Salmannsweiler Klosterhofes grenzte. In unmittelbarer Nähe der Sammlungsgasse(heute Münzgasse) besaß ein Jüde namens König im Jahre 1291 ein Haus. Die wirtschaftliche Tätigkeit der Konstanzer Juden im 13.Jahrhundert war vorwiegend die Geldleihe. Zu ihren Schuldnern gehörten das Kloster St.Gallen, die Herren von Montfort und Weinbauern aus der Umgebung.

Wohnten die Juden zunächst im Bereich des Fischmarktes, so verlagerte sich ihr Wohngebiet allmählich weiter südlich in die Mordergasse (Heute Rosgartenstrasse), wo sie nun in einer gewissen räumlichen Geschlossenheit lebten. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten waren die Wohngebiete der Juden im mittelalterlichen Konstanz jedoch nie als Ghetto ausgebildet. In der Mordergasse-vermutlich hinter dem Garten des Rosgartenmuseums - stand auch die früheste Synagoge.

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